Dienstag, 2. Juli 2013

Von Nachbarn und anderen Strafen

Eine wahre Geschichte

Seit etwa eineinhalb Jahren lebe ich nun in meiner "neuen" Wohnung.  Sie liegt günstig, mitten in Purkersdorf. Yep, das ist cool, denn so bin ich immer am Puls der Zeit. Wer wohnt schon gerne am Rand, irgendwo zwischen Ortstafel und der ersten Straßenlaterne!? Günstig ist die Wohnung auch, aber eben auch nicht gerade der real gewordene Immobilien Traum. Doch ich bin zufrieden. Soweit.

Nachts um 3:15 wurde ich wach. „Was zum….“ Da hämmerte doch tatsächlich jemand, mitten in der Nacht? Ich konnte es nicht fassen. Da musste jemand betrunken randalieren, oder war da etwa ein Einbrecher am Werk? Ich hörte dann zwischen den Hammerschlägen immer, wie das lärm-verursachende Baugerät abgelegt wurde, dann husten oder räuspern- um danach wieder loszulegen. Da schlug tatsächlich jemand Nägel in die Wand? So. Was sollte ich machen? Ich bin jetzt nicht der Typ, der cholerisch den Verursacher sucht, um ihn dann an der Schwelle zu seiner Wohnung kurz und klein zu schlagen, oder auch nur abzumahnen. Immer schön ruhig verhalten, ja nicht mit den Nachbarn anecken. Als ich aber schließlich nach einigen Minuten nicht enden wollender Lärmattacken die Nerven verlor, sprang ich aus dem Bett und zog mich an. Dann war Stille. Na gut, egal – back to bed!

Diese seltsamen Vorgänge wiederholten sich ab und zu, jedoch immer zu kurz um eruieren zu können, woher der Lärm kam. Immerhin ist es in einem 80er Jahre Stahlbeton Bau kein leichtes, eine Lärmquelle zu detektieren. Es hat den Anschein, es käme von allen Seiten. Seit einiger Zeit ist nun Ruhe eingekehrt – nachts.

Vor meinem Wohnzimmer Fenster, in den Garten hinaus, hörte ich plötzlich gar liebliches Vogelgezwitscher. Das Gezwitscher dieses Vogels jedoch erkannte ich nicht, es klang nach einem Tier aus wärmeren Gefilden. Sollte sich hier jemand ein exotisches Vogel Getier zugelegt haben, um ihm nun in der Sonne etwas Heimatgefühle zukommen zu lassen? Nach kurzer Zeit merkte ich, dass dies ein digitales Tier war. Alle zwei Minuten wiederholte sich der „Gesang“, der nun allmählich aufgrund seiner Monotonie und der ausweglosen Situation meinerseits zur nervenaufreibenden Geduldsprobe wurde.

Ich versuchte mir vom Fenster aus einen Überblick zu verschaffen, und entdeckte kurz darauf die Quelle des neuerlichen akustischen Angriffs. Mein Nachbar, der seine Wohnung zur Hälfte unter mir hat, und dessen Balkon direkt unter meinem Wohnzimmerfenster zum Garten hinwies, hatte dort einen braunen Plastik Vogel montiert. Offenbar war der durch Solarenergie angetrieben. Toll.
Genau dieser Nachbar war im ganzen Haus bekannt. Er hatte erst kürzlich eine gerichtliche Vereinbarung mit den Anwohnern unterschreiben müssen, dass er keine weiteren absichtlich herbeigeführten Beschädigungen am Gebäude und Garten mehr durchführen würde. Mit diesem Menschen wollte ich nichts zu tun haben. Denn Wochen zuvor wurden Autos, die vor unserem Haus parkten mehrmals die Reifen zerstochen. Mir auch. Und zwar alle vier. Die Polizei meinte, sie hätten da den Verdacht, dass es ein „Bekannter“ aus „meinem“ Haus wäre, unternommen wurde nichts. Abgesehen davon, dass 600€ für die Reparatur nicht wenig war, hatte ich Befürchtungen, dass dieser offensichtlich labile Mensch vielleicht eines Tages mit einer Kettensäge, oder anderen Werkzeugen vor meiner Türe auftauchen könnte. Ich hatte keine Lust, auf der Titelseite einer Boulevard Zeitung zu enden.  „Nachbar wegen Beschwerde über digitalen Vogel zerhächselt“. Nein, das wollte ich nicht.

Nachdem nun alle anderen Nachbarn, mit Ausname einer Person, nicht an einer Lösung interessiert zu sein schienen, überlegte ich wie ich denn nun vorgehen könnte. Ihn mit eigenen Waffen schlagen? Ich war mir sicher, es wäre ein super Spaß, meine Soundanlage ans Fenster zu stellen, und kurz einmal die Lautstärke auf „max“ zu drehen, während er seine Terassentüre geöffnet hätte. Doch sobald sich mein Feind dort unten wieder aufgerappelt hätte, würde dieser Massenmörder sofort die Treppen zu mir in den ersten Stock hasten, mit Schaum auf den Lippen, meine Wohnungstüre mit einer Axt einschlagen, und mich danach auf grausamste Art und Weise hinrichten. Schnell verwarf ich diesen Plan wieder. Man liest ja so viel in der Zeitung.  

Ich bin wirklich ein gutmütiger Mensch. Mich zur Weißglut zu bringen, da muss schon echt viel passieren. Doch nach wochenlanger Darbietung dieses Vogelgeräusches, welches mich an nordkoreanische Foltermethoden erinnern lies, konnte ich nicht mehr. Und dann – hörte es auf. Alles war plötzlich wieder gut. Zum Teil. Offenbar war es nun diesem gefährlichen Menschen selbst zu viel geworden. Nun durfte ich nur mehr ein- bis zweimal täglich, und das nur für höchstens fünf Minuten am Stück den Klängen lauschen, die dieser vermaledeite elektrische Vogel, den sich wohl nur verhaltensgestörte Wahnsinnige kaufen würden, von sich gab.
Ich vergaß zu erwähnen, dass bevor mir die Reifen zerstochen wurden, und der Feind unter mir mich zu quälen begann, ein Nachbar der natürlich ebenfalls in „meinem“ Haus wohnt, im Vollrausch mehrere Autos vor dem Haus demolierte. Mit seinem eigenen Wagen, mit dem er heimfuhr. Und raten Sie, wessen Auto wurde wohl auch beschädigt? Richtig! Nun, meine Liebe zu Purkersdorf ist ja bis dato wirklich unverwüstlich. Dennoch wird es zeitweise doch relativ schwer für mich, nicht das Gefühl zu bekommen, dieser Ort wäre gegen mich. Heute läutete es an meiner Wohnungstüre. Eine nette Dame, sie wohnt im Erdgeschoß in "meinem" Haus, hatte beim Ausparken mein Auto gerammt. Jenen geliebten Neuwagen, den ich kürzlich erst neu gekauft hatte, nachdem ich den anderen - den mit den luftlosen Reifen - verkauft hatte.

Die linke Wagenseite sei gar heftig eingedrückt. Nun,  ich dachte erst, diese Frau machte Witze mit mir, weil sie vielleicht über mein Schicksal der letzten Monate in diesem Haus erfahren hatte. Und nun würde sie sich ein Späßchen erlauben, um dann gleich wieder aufklärend zu erzählen, dass es sich um einen morbiden Witz gehandelt hätte. Ich werde hier und jetzt nicht ausführlich über meine Meinung zu Damen am Steuer schreiben, aber – nein, jetzt nicht. Jedoch war ich doch recht sauer, als ich am Ort des Schreckens ankam. Mein kleiner Peugeot. Die Türe hinten ziemlich eingedrückt. Ein trauriges Bild. Da die Dame offenbar bemerkte, dass ich den Tränen nahe war, meinte sie beruhigend, es täte ihr sehr leid, aber sie hätte sich schon gedacht so etwas würde passieren, weil sie ungünstig geparkt hätte. Und das ausparken schwer gewesen wäre.

Warum, warum zur Hölle parkt man ein Fahrzeug nicht langsamer und vorsichtig aus, wenn man schon zuvor festgestellt hat, dass man offenbar etwas überfordert ist? Oder überlässt das einfach jemanden, der fahren kann – oder ausparken? Oder gibt nicht einfach den Führerschein mit der durchaus verständlichen Begründung „Ich bin eine Gefahr für meine Umwelt“ freiwillig ab? Weil ich aber ein guter Nachbar sein will, drehte mich zu Ihr um, und meinte: „ist schon ok, das kann doch jedem passieren“, und war verwundert, wie gut ich doch lügen konnte.

Tomas Rührer

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