Eine wahre Geschichte
Seit etwa eineinhalb
Jahren lebe ich nun in meiner "neuen" Wohnung. Sie liegt günstig, mitten in Purkersdorf. Yep,
das ist cool, denn so bin ich immer am Puls der Zeit. Wer wohnt schon gerne am Rand,
irgendwo zwischen Ortstafel und der ersten Straßenlaterne!? Günstig ist die
Wohnung auch, aber eben auch nicht gerade der real gewordene Immobilien Traum. Doch
ich bin zufrieden. Soweit.
Nachts um
3:15 wurde ich wach. „Was zum….“ Da hämmerte doch tatsächlich jemand, mitten in
der Nacht? Ich konnte es nicht fassen. Da musste jemand betrunken randalieren,
oder war da etwa ein Einbrecher am Werk? Ich hörte dann zwischen den Hammerschlägen
immer, wie das lärm-verursachende Baugerät abgelegt wurde, dann husten oder räuspern-
um danach wieder loszulegen. Da schlug tatsächlich jemand Nägel in die Wand?
So. Was sollte ich machen? Ich bin jetzt nicht der Typ, der cholerisch den Verursacher
sucht, um ihn dann an der Schwelle zu seiner Wohnung kurz und klein zu
schlagen, oder auch nur abzumahnen. Immer schön ruhig verhalten, ja nicht mit
den Nachbarn anecken. Als ich aber schließlich nach einigen Minuten nicht enden
wollender Lärmattacken die Nerven verlor, sprang ich aus dem Bett und zog mich
an. Dann war Stille. Na gut, egal – back to bed!
Diese
seltsamen Vorgänge wiederholten sich ab und zu, jedoch immer zu kurz um eruieren
zu können, woher der Lärm kam. Immerhin ist es in einem 80er Jahre Stahlbeton
Bau kein leichtes, eine Lärmquelle zu detektieren. Es hat den Anschein, es käme
von allen Seiten. Seit einiger Zeit ist nun Ruhe eingekehrt – nachts.
Vor meinem
Wohnzimmer Fenster, in den Garten hinaus, hörte ich plötzlich gar liebliches
Vogelgezwitscher. Das Gezwitscher dieses Vogels jedoch erkannte ich nicht, es
klang nach einem Tier aus wärmeren Gefilden. Sollte sich hier jemand ein
exotisches Vogel Getier zugelegt haben, um ihm nun in der Sonne etwas
Heimatgefühle zukommen zu lassen? Nach kurzer Zeit merkte ich, dass dies ein
digitales Tier war. Alle zwei Minuten wiederholte sich der „Gesang“, der nun
allmählich aufgrund seiner Monotonie und der ausweglosen Situation meinerseits
zur nervenaufreibenden Geduldsprobe wurde.
Ich versuchte
mir vom Fenster aus einen Überblick zu verschaffen, und entdeckte kurz darauf die
Quelle des neuerlichen akustischen Angriffs. Mein Nachbar, der seine Wohnung
zur Hälfte unter mir hat, und dessen Balkon direkt unter meinem
Wohnzimmerfenster zum Garten hinwies, hatte dort einen braunen Plastik Vogel
montiert. Offenbar war der durch Solarenergie angetrieben. Toll.
Genau dieser
Nachbar war im ganzen Haus bekannt. Er hatte erst kürzlich eine gerichtliche Vereinbarung
mit den Anwohnern unterschreiben müssen, dass er keine weiteren absichtlich
herbeigeführten Beschädigungen am Gebäude und Garten mehr durchführen würde.
Mit diesem Menschen wollte ich nichts zu tun haben. Denn Wochen zuvor wurden
Autos, die vor unserem Haus parkten mehrmals die Reifen zerstochen. Mir auch. Und
zwar alle vier. Die Polizei meinte, sie hätten da den Verdacht, dass es ein „Bekannter“
aus „meinem“ Haus wäre, unternommen wurde nichts. Abgesehen davon, dass 600€
für die Reparatur nicht wenig war, hatte ich Befürchtungen, dass dieser
offensichtlich labile Mensch vielleicht eines Tages mit einer Kettensäge, oder
anderen Werkzeugen vor meiner Türe auftauchen könnte. Ich hatte keine Lust, auf
der Titelseite einer Boulevard Zeitung zu enden. „Nachbar wegen Beschwerde über digitalen Vogel
zerhächselt“. Nein, das wollte ich nicht.
Nachdem nun
alle anderen Nachbarn, mit Ausname einer Person, nicht an einer
Lösung interessiert zu sein schienen, überlegte ich wie ich denn nun vorgehen
könnte. Ihn mit eigenen Waffen schlagen? Ich war mir sicher, es wäre ein super Spaß,
meine Soundanlage ans Fenster zu stellen, und kurz einmal die Lautstärke auf „max“
zu drehen, während er seine Terassentüre geöffnet hätte. Doch sobald sich mein
Feind dort unten wieder aufgerappelt hätte, würde dieser Massenmörder sofort die
Treppen zu mir in den ersten Stock hasten, mit Schaum auf den Lippen, meine
Wohnungstüre mit einer Axt einschlagen, und mich danach auf grausamste Art und
Weise hinrichten. Schnell verwarf ich diesen Plan wieder. Man liest ja so viel
in der Zeitung.
Ich bin wirklich ein gutmütiger Mensch. Mich zur Weißglut zu bringen, da muss schon echt viel
passieren. Doch nach wochenlanger Darbietung dieses Vogelgeräusches, welches
mich an nordkoreanische Foltermethoden erinnern lies, konnte ich nicht mehr.
Und dann – hörte es auf. Alles war plötzlich wieder gut. Zum Teil. Offenbar war
es nun diesem gefährlichen Menschen selbst zu viel geworden. Nun durfte ich nur
mehr ein- bis zweimal täglich, und das nur für höchstens fünf Minuten am Stück den
Klängen lauschen, die dieser vermaledeite elektrische Vogel, den sich wohl nur
verhaltensgestörte Wahnsinnige kaufen würden, von sich gab.
Ich vergaß
zu erwähnen, dass bevor mir die Reifen zerstochen wurden, und der Feind unter
mir mich zu quälen begann, ein Nachbar der natürlich ebenfalls in „meinem“ Haus
wohnt, im Vollrausch mehrere Autos vor dem Haus demolierte. Mit seinem eigenen
Wagen, mit dem er heimfuhr. Und raten Sie, wessen Auto wurde wohl auch
beschädigt? Richtig! Nun, meine Liebe zu Purkersdorf ist ja bis dato wirklich unverwüstlich.
Dennoch wird es zeitweise doch relativ schwer für mich, nicht das Gefühl zu bekommen, dieser
Ort wäre gegen mich. Heute läutete es an meiner Wohnungstüre. Eine nette Dame,
sie wohnt im Erdgeschoß in "meinem" Haus, hatte beim Ausparken mein Auto gerammt. Jenen geliebten
Neuwagen, den ich kürzlich erst neu gekauft hatte, nachdem ich den anderen - den mit den luftlosen Reifen - verkauft hatte.
Die linke
Wagenseite sei gar heftig eingedrückt. Nun, ich dachte erst, diese Frau machte Witze mit
mir, weil sie vielleicht über mein Schicksal der letzten Monate in diesem Haus
erfahren hatte. Und nun würde sie sich ein Späßchen erlauben, um dann
gleich wieder aufklärend zu erzählen, dass es sich um einen morbiden Witz
gehandelt hätte. Ich werde hier und jetzt nicht ausführlich über meine Meinung
zu Damen am Steuer schreiben, aber – nein, jetzt nicht. Jedoch war ich doch
recht sauer, als ich am Ort des Schreckens ankam. Mein kleiner Peugeot. Die Türe
hinten ziemlich eingedrückt. Ein trauriges Bild. Da die Dame offenbar bemerkte,
dass ich den Tränen nahe war, meinte sie beruhigend, es täte ihr sehr leid,
aber sie hätte sich schon gedacht so etwas würde passieren, weil sie ungünstig
geparkt hätte. Und das ausparken schwer gewesen wäre.
Warum, warum
zur Hölle parkt man ein Fahrzeug nicht langsamer und vorsichtig aus, wenn man
schon zuvor festgestellt hat, dass man offenbar etwas überfordert ist? Oder überlässt
das einfach jemanden, der fahren kann – oder ausparken? Oder gibt nicht einfach
den Führerschein mit der durchaus verständlichen Begründung „Ich bin eine Gefahr für meine Umwelt“
freiwillig ab? Weil ich aber ein guter Nachbar sein will, drehte mich zu Ihr um, und meinte: „ist schon ok, das kann doch
jedem passieren“, und war verwundert, wie gut ich doch lügen konnte.
Tomas Rührer
Tomas Rührer
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen